Design Thinking – Alter Moderationswein in neuen Schläuchen???

Design Thinking – Alter Moderationswein in neuen Schläuchen???

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Design Thinking. Immer öfter hörte ich dieses Format in letzter Zeit. Neugierig geworden, hab ich recherchiert, und mir insgeheim gedacht: „Sind das nicht bekannte Methoden, die man nun zusammengestückelt und so dem Kind einen neuen Namen verpasst hat?“ Um es genau zu wissen bzw. zu erleben, nahm ich am 8. Dezember 2017 an einem 1tägigen Crash Kurs in Berlin teil, durchgeführt von der Innovationsberatungsagentur „Dark Horse“. Und ich war nicht die einzige, die Interesse hatte. Ca. 35 – 40 Personen nahmen daran teil, die dann im Prozess in Kleingruppen zu 5 – 6 aufgeteilt wurden.

Ja, und was ist nun Design Thinking? Zu hören war z.B.

  • Ein Tool zur Entwicklung von Innovation (Produkte und Dienstleistungen) im Umgang mit Komplexität
  • NutzerInnen-zentriertes Handeln
  • User-Bedürfnisse erkennen und daraus Lösungen entwickeln
  • Wegweiser durch das Ungewisse mit viel Probieren und Testen
  • Im Zentrum steht der Mensch
  • Die Arbeitshypothese „Die Welt kann gestaltet werden.“

 

Oder kurz: Design Thinking = Methode + Kultur

Zur Kultur gehört dabei:

  • Lernen durch Interaktion – ausprobieren
  • Gemischte Teams – je unterschiedlicher desto besser
  • Fehlerkultur ist wichtig
  • Spielerische Zusammenarbeit – gute Stimmung im Team
  • Empathie – sich reinFÜHLEN (besser als sich reinDENKEN)
  • Timeboxing (enger Zeitrahmen – und bei diesem Training war dieser sehr eng, fast stressig)

Die Methode(besser: das Format) besteht aus 6 Schritten, wobei die ersten 3 zum „Problem Verständnis“ beitragen, und die letzten 3 zum „Lösungs Verständnis“:

  1. Verstehen
  2. Beobachten
  3. Synthese
  4. Ideen
  5. Prototypen
  6. Testen

Nach dieser superkurzen Einführung ging es schon – in 2er Teams – an die Umsetzung, wofür wir 45 Minuten Zeit hatten, um den ganzen Prozess zu durchlaufen. Sportlich, nicht wahr? 🙂 Thema: Essen, um daraus dann das perfekte Esswerkzeug bzw. den perfekten Ess-Service zu entwerfen.

  1. Verstehen (da es ein allgemein verständliches Thema war, ließen wir diesen Schritt aus)
  2. Beobachten: durch Interviews erhielten wir ein Bild über das Essverhalten und das, was dabei wichtig ist, von unserem Gegenüber
  3. Synthese: wir fassten unsere Eindrücke in einem Satz zusammen
  4. Ideen: dann entwickelten wir Ideen zum Esswerkzeug bzw. -service
  5. Prototypen: dieser wurde gebastelt (s. nachstehendes Foto der Prototypen meines 2er-Teams)
  6. Testen: zeige deinen Prototypen deinem Gegenüber und erhalte Feedback dazu (was gefällt? Was nicht? Und warum?)

 

Danach ging es in – vorab eingeteilten – Kleingruppen weiter, mit folgender Aufgabenstellung / Challenge:

Spannend, oder? Lass mich das Ganze wieder anhand der 6 Schritte erklären:

  1. Verstehen: genaue semantische Analyse, um die Challenge zu verstehen; als „Erlebnis“ wurde die „gesamte Erfahrung“ definiert, also wo fängt es an und wo hört es auf.
  2. Beobachten: geht auf die Suche nach den Bedürfnissen der Menschen! „All you need is needs!“ war das Motto.So waren dann viele 2er bzw. 3er Teams auf der Straße unterwegs, um Passanten zu interviewen. Und dabei: „Hut ab vor den BerlinerInnen!“ (in Wien wäre das denke ich nicht so unkompliziert und freundlich abgelaufen). Wir fragten, was und wann die Menschen das letzte Mal etwas verloren hatten, wie sie sich dabei fühlten, was ihnen dabei wichtig war, etc. Ziel war dabei herauszufinden, wie das Leben dieser Menschen „funktioniert“, was v.a. in Geschichten herauszufinden ist, um die sogenannte „PERSONA“ zu kreieren.
  3. Synthese: nun teilten wir die Ergebnisse unserer Interviews (gemeinsamer „Download & Storytelling“), um diese dann gemeinsam zu interpretieren und zu analysieren. Die einen erzählten, die anderen beschrieben eifrig Post-Its (das wichtigste Arbeitsmittel überhaupt) und clusterten die Infos. Das brachte Wissen ins Team und schaffte Struktur. Ich selbst habe eine derartige PERSONA schon vor längerer Zeit mal für BusinessMind entwickelt, auf der Basis von KundInnen-Befragungen 🙂. Danach versuchten wir, mit der sog. „KWK (Wie können wir…)-Frage“ – „Wie können wir der PERSONA helfen, ihr Bedürfnis zu erfüllen, obwohl es Widersprüche gibt?“ Mit diesem Schritt ist die Synthese-Phase abgeschlossen. In dieser Phase geht es darum Sinn herzustellen und Zusammenhänge und Widersprüche zu erkennen, und daraus die „PERSONA“ zu generieren. Was ist nun eine PERSONA? Das ist eine (halb)fiktive Person, die man gestaltet, auf Basis der Daten, die zuvor gesammelt wurden. Sie hat einen Namen, ein bestimmtes Alter, Hobbies, Verdienst, Job, Geschmack, etc.; also jemand, der stellvertretend für die eine große Anzahl von Befragten stehen könnte.
  4. Ideen: in dieser Phase ist Brainstorming angesagt, die man mit verschiedensten Kreativmethoden angehen kann. Wichtige Regeln / Voraussetzungen dabei sind:
    • Keine Kritik
    • Wertschätzung jeder Idee
    • Wilde Ideen sind gute Ideen
    • Visuell sein (Verboten ist: Post-Ist ohne Zeichnung)
    • Viele Ideen sind willkommen – Quantität ist entscheidend
    • Nur 1 Person darf sprechen

Die Ideen werden geclustert, und dann findet ein Voting mit Punkten statt. 5. Prototypen: Aus der ausgewählten Idee wird ein Prototyp hergestellt. Es geht darum die Idee erlebbar zu machen, z.B. bestimmte Aspekte eines künftigen Produkts bzw. Dienstleistung zu zeigen. Bei Produkten kann z.B. ein Szenario entwickelt werden, in welcher künftige NutzerInnen das Produkt anwenden. Dienstleistungen können mit Rollenspielen dargestellt werden.

6. Testen: Die Prototypen wurden – in unserem Fall – im Plenum vorgeführt, somit getestet und Feedback eingeholt. In der Realität passiert ähnliches: Feedback von Usern einholen.

 

Das war in Kürze das gesamte Design Thinking Format.

Mein Fazit: Das Format gefällt mir gut, auch wenn sich mein Eindruck, dass bekannte Elemente / Methoden neu zusammen gesetzt wurden, und mit einem ansprechenden Namen versehen wurden, doch eher bestätigt hat. Was soll’s, ist ja OK, solange am Ende etwas Gscheites rauskommt. 🙂

So verwende ich z.B. oftmals „Prototyping“ und Kreativitätstechniken in Workshops, Strategiemeetings, in der Teamentwicklung, oder auch mit Großgruppen, z.B. im Format der Zukunftskonferenz, um Visionen zu „performen“, Zukunft erlebbar zu machen, bis hin zur Moderation von EU-Projektmeetings, wie kürzlich auch anhand des exzellenten Fish Forward EU-Projekts des WWF beschrieben (Kick-Off Meeting sowie Closure Meeting). Und auch in Strategieprozessen habe ich schon PERSONAS entwickeln lassen (nicht nur in meinen eigenen BusinessMind Strategieprozessen).

Was mir gut gefällt, ist dieser „user-driven approach“, um Fehlentwicklungen schon frühzeitig abfangen zu können. Weniger gefällt mir, dass offenbar auch in der Praxis generelle ethische Fragen ziemlich ausgeblendet werden, aber da würde ich mir in der Moderation einfach die Freiheit nehmen, etwas abzuweichen und Zusatzfragen zu stellen :-).

Und, hast du dieses Format schon erlebt? Wenn ja, dann teile bitte hier deine Erfahrungen und Erkenntnisse mit uns!

Herzliche Grüße, Birgit

 

PS: Zertifikat hab ich auch erhalten 🙂

Design_Thinking_Certificate

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